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Fasching im Heim - Ein kurzer Roman PDF Print E-mail
Written by Oliver Wellmann   
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Wer schon mal in der Situation war, ganz plötzlich Arbeits- und Wohnungslos geworden zu sein, dem werden die folgenden Zeilen vielleicht bekannt vor kommen und nichts weiter als ein Schmunzeln abringen. Wer allerdings immer noch in seiner recht heilen Welt lebt und Obdachlose nur aus der U-Bahn, oder von der Strasse her kennt, der wird hier Informationen bekommen, die er, oder Sie vielleicht miemals haben wollte.

Prolog

„Dit hab ick doch gemacht jehabt, du Volleimer!“, schrie Günther, in seiner unnachahmlichen Art, bei der ihm der Sabber links aus dem, größtenteils Zahnlosen Mund heraus lief. Wobei ihm immer ein Stück Ravioli von Aldi im Bart klebte, die er so sehr liebte weil er sie kauen konnte.

„Ick hab der jesacht..., wat war dit jetzt noch...? Du machst mir immer janz bekloppt, du Idiot, wenn du mir so anschreist.“

„Wat?! Icke?!, schrie jetzt Steven, der zwar knapp 30 Jahre Jünger war, aber wegen seiner besonderen Fähigkeit Bier zu besorgen, nicht nur bei den Bewohnern des Linken Flügels des dritten Stocks, sondern eben auch bei Günther besonders beliebt war. „Ick hab jar nich jeschrien. Du bist schon bekloppt, dit iss allet.“

„Ick hab der jesacht...“, unterbrach ihn ihn Günther wieder, „Ich hab der jesacht..., wenn se mir dit Geld nu nicht jeben tut..., denn mach ick aber...,äh, warte mal, wat hab ick jetze jesacht?“

„Na mit die Olle, wejen dit Jeld“, wollte Steven helfen, ohne dabei die Lautstärke wirklich zu senken. „Die von Amt...“

„Bist du bekloppt?!“, kam jetzt wieder Günther. „Ick hab doch grade jesacht, dass ick...“

„Maaaaan, Fresse ihr beeden Hirnis“, schallte es plötzlich aus der Tür von Rudi, der sich in Feinrippunterhose und sonst gar nichts, am Türrahmen festhielt. “Iss erst zwölfe Mittachs und ihr blökt hier schon wieder rum..., ick hau euch beeden Heinis uff de Fresse!“

„Uff de Fresse“ war Stevens, wie soll ich sagen, Codewort. Nichts hatte seinen, knapp 20 jährigen, Geist so geprägt, wie die drei Worte „Uff de Fresse!“

Sein Körper spannte sich an, wie bei einem Raubtier, daß sich auf den Sprung auf eine Beute vorbereitete. Seine Augen wurden zu Schlitzen und man glaubte ein Glitzern aus Ihnen kommen zu sehen. Seine Fäuste ballten sich, so das die Knöchel ganz weiß wurden. Er atmete tief ein und dann explodierte es aus ihm heraus, daß selbst einem russischen Mafia Boss in dem Moment der Arsch auf Grundeis gegangen wäre.

„Altaaaaaaaaaaaaa! Wer hier wen eens uff de Fresse haut, wirst de gleich sehen!“

Dabei baute er sich, teilweise auf die Zehenspitzen gehend, vor ihm auf. „Ick hau dir so eene uff de Fresse, das dir die Pothese aus´m Arsch raus kommt...“ Dabei hatte er das Wortspiel mit der Pothese nicht beabsichtigt. Seine Faust mit den inzwischen Blutleeren Fingern zitterte vor Rudis Gesicht herum.

Alle die noch dazu in der Lage waren, im linken Flügel des dritten Stocks rissen ihre Türen auf. Weniger weil sie sich gestört fühlten, sondern weil es schlicht eine willkommene Abwechslung war.

„Ey, was iss denn da los, muss ich mir Sorgen machen?“, fragte mich Ronald.

„Nee, nee...“, meinte ich und öffnete die Tür.

„Dit iss nur ´ne janz normale Mittagsunterhaltung.“ Ich überlegte kurz, ob ich noch hinzufügen sollte, sich die Kollegen mal nachts rein zu ziehen, verzichtete dann aber, mit Rücksicht auf Ronalds, sowieso schon sehr blasse Gesichtsfarbe, darauf.

Teil I

Besuch

Ronald wollte mich unbedingt besuchen, da wo ich gerade wohnte. Ich holte ihn unten an der „Rezeption“ ab. Der Tresen und die Wand mit den Metallhaken, an dem die Schlüssel hingen, war eigentlich das Einzige, was noch daran erinnerte, dass dieses Haus mal ein Hotel war. Ich fragte mich oft, ob dies noch vor dem Krieg war.

„Ick hab Besuch“, sagte ich dem Wachmann.

„Mhmpf...“ war dessen Kommentar. Und damit hatte schon mehr gesagt, als sonst den ganzen Tag.

Dann übertraf er sich aber noch und erfüllte gleich sein Wochenpensum, indem er leise und ohne auch nur einmal den Blick von seinem Laptop zu heben, sagte:“Ausweis“.

„Du musst deinen Ausweis abgeben“, erklärte ich Ronald, denn ich war mir sicher, dass der Wachmann seine Aufgabe als erledigt betrachtete.

„Ach wat?!“, sagte Ronald schmunzelnd um dann mit einem breiten Grinsen hinterher zu schieben: „Iss ja wie im Knast. Mein Handy darf ick aber behalten oder...?“, witzelte er.

In diesem Moment schoss Ingo an ihm vorbei und Ronald konnte ein leichtes Würgegefühl nicht unterdrücken. Ingo drehte sich noch mal um, sah mich an, sah Ronald an und sah mich wieder an.

„Haben Sie, Er, Es Besuch?“ Dabei schwang er seinen Pappkaffeebecher, der ihm in der Berliner U-Bahn als Sammelbüchse diente, einmal um seinen Kopf und schaute dann wieder auf Roland, der in dem Moment nicht genau verstand was passierte. Ingo hob ein Bein um demonstrativ seinen, in halb zerfallenden Turnschuhen steckenden, nackten Fuß zu zeigen, und danach in sein apathisches Lächeln zu verfallen.

„Ja Ingo“, sagte ich, möglichst beruhigend auf ihn einwirkend, denn ich hatte ihn schon öfter in der U-Bahn einen Anfall bekommen sehen. „Ja, ich hab Besuch, aber der hat auch kein Geld. Iss ´ne arme Sau wie wir. Geh mal deine Tour machen!“

Ohne weitere Worte drehte Ingo sich um und ging, nicht ohne seinen Geruch da zu lassen.

„Was war das denn?!“ fragte Ronald. „Ingo“, sagte ich.

Der Wachmann hatte der ganzen Szene nicht einen Funken Aufmerksamkeit geschenkt.

„Komm ma´“, sagte ich und und schob Ronald durch die erste Tür. Die schweren Glastüren, die sich zwischen jedem Flügel und jedem Stockwerk befanden, waren immer ein Hindernis, besonders wenn man irgendetwas in der Hand und damit nur eine frei hatte. Aber gerade hatte ich ja nichts bei, außer Ronald, dessen Gesicht inzwischen eine nicht zu übersehende Skepsis zeigte.

„Sollen wir vielleicht doch einfach einen Kaffee trinken gehen?“, fragte ich Ronald.

„Nee, nee, lass mal, iss schon alles in Ordnung..., so was muss man ja auch mal gesehen haben.“

Muss man eigentlich nicht, dachte ich noch bei mir, aber er wollte es ja unbedingt.

„Wir gehen mal besser den kürzeren Weg“, sagte ich.

Am Hochparterre angekommen und vor der Tür stehend, die den rechten Flügel vom Treppenhaus auf dem sich die Waschküche befand trennte, stoppte ich kurz.

„Besser du hälst jetzt kurz die Luft an, bis wir drüben sind, ok?“ Ohne Ronalds Reaktion abzuwarten öffnete ich die Tür, griff mir einen Zipfel von seiner Jacke und ging in bester Powerwalking Manier los. Ronald hatte das Pech zwischendurch atmen zu müssen und so traf ihn die volle Packung „1.Stock, rechter Flügel Geruchs Salve“, die ihn wohl, so wie mich beim ersten Mal, schwerstens an eine Leichenhalle erinnerte. Bevor er ohnmächtig wurde, zog ich ihn weiter, durch die nächste schwere Glastür, die uns in das zweite Treppenhaus führte.

Ronald rang nach Luft. „Das Schlimmste haste hinter dir“, lächelte ich ihn an, genau wissend das dies nicht wirklich stimmte.

„Ey, sach mal“, japste Ronald, „ey da wohnen Menschen in den Zimmern?! Ich mein das hat gerochen wie...“

„Ja ich weiß“, sagte ich, „ich weiß...“

„Wenn die laute Musik nicht gewesen wäre, wäre ich da gar nicht drauf gekommen, dass...“

„Ja, ich weiß“, sagte ich nochmal.

Wir gingen nach oben in den dritten Stock. In der Mitte der Flügel, sozusagen noch im Treppenhaus befanden sich jeweils die Küchen. Wenn man ein paar Elektroherde aneinander gereiht so nennen durfte, denn mehr gab es nicht darin. Es roch, von weitem, eigenartigerweise immer so als hätte gerade jemand ein Weihnachtsfestmahl darin gekocht. Wenn man aber etwas näher kam mischte sich der Geruch immer mit dem aus dem großen Mülleimer und dann war einem nicht mehr ganz so festlich zumute.

Angekommen im dritten Stock gingen wir durch die nächste schwere Glastür und ich führte Ronald in mein Zimmer, nachdem ich mich wieder 5 Minuten mit dem beschädigten Schloss meiner Zimmertür herumgeschlagen hatte und wir die kurze „Mittagsunterhaltung von Günther und Steven beobachten konnten.. Der letzte Anflug seines, sonst so breiten, Grinsens hatte Ronald schon beim Vorbeigehen an den Gemeinschaftstoiletten verlassen.

 

Teil II

Ronald tat einen Schritt, vorbei an Dusche und Waschbecken, die sich glücklicher Weise im Zimmer befanden, tat noch einen Schritt ins Zimmer und stand schon wieder am Fenster. Er sah sich kurz um. Sein Blick fiel aufs Bett, ein einfaches Metallgestell mit dünner Schaumstoffmatratze.

Daneben stand so was wie ein Nachttisch. In der Ecke zwischen Fenster und Bett stand ein Tisch und ein Stuhl. Gleich daneben ein Kühlschrank der, egal welche Stufe man einstellte, immer alles was man rein tat tief gefror.

Jetzt war ich am Grinsen: „Fühl´ dich wie Zuhause, setz´ dich, nimm dir´n Keks!“ Draußen hörte man immer noch Steven in regelmäßigen Abständen schreien.

„Uff de Fresse?!, Uff de Fresse?!“

Ronald setzte sich auf den Stuhl. Er rang sichtlich nach Worten, während ich im Schneidersitz auf dem Bett Platz nahm. Schließlich fand er die Fassung wieder. „Sach mal, ich hab da grad keinen gesehen der kein Bier in der Hand hatte. Aber stand nicht unten auf dem Zettel an der Tür das Alkohol und Drogen hier verboten sind?“

„Ja“, sagte ich und konnte mir das Grinsen wieder nicht verkneifen, „das steht da wohl dran...“

Nichts und niemand interessierte wirklich was im Haus passierte. Im ersten Stock gab es ein Büro, mit einem Mann darin, der wohl als Berufsbezeichnung Sozialarbeiter hatte,aber im Grunde nichts anderes tat, als die notwendigen Formulare zur Kostenübernahme auszufüllen und die Termine für die Waschküche zu vergeben. Ein Euro fünfzig für zwei Maschinen. Waschmittel ist natürlich selber zu besorgen. Vier alte Waschmaschinen, von denen zwei immer kaputt waren, standen darin. Außerdem vier Trockner. Den Schlüssel musste man beim Wachmann unten abholen, nicht ohne sich einen blöden Spruch darüber anzuhören, ob man denn wirklich dran war und auch bezahlt hatte. Die Waschküche war ein besonderer Ort, denn wenn man den Fehler machte, beim nach gucken wie weit die Wäsche war, nicht die Tür hinter sich zu schließen, hatte man sehr schnell Rolf und Inge auf dem Hals. Bei beiden wußte man sofort, daß hier eigentlich eine Unterbringung im Krankenhaus angebracht war. Warum sich die Beiden dennoch, sozusagen unbeobachtet, in diesem Wohnheim aufhielten, ist mir bis heute ein Rätsel. Rolf hatte vergessen, daß er die Zeit vor mir hatte. Seine Wäsche holte ich kurzerhand aus der Maschine und legte sie oben drauf, um meine endlich rein tun zu können. Es war schon spät, obwohl es erst 18.00 Uhr war. Draußen war es aber schon dunkel, um diese Jahreszeit nichts Besonderes, aber dennoch blieb der Eindruck, dass es tiefe Nacht war.

Rolf kam in die Waschküche gestürzt und legte sofort los.

„Ey ick sage dir, hier loofen ja wirklich viel Idioten rum, aber du bist ihn Ordnung Großer.“

Manche Menschen, eigentlich nur Männer, neigen dazu einen anderen Menschen „Großer“ zu nennen, selbst wenn er ihn an Körpergröße überragte. Rolf beschloss sich meinen Namen nicht zu merken, sondern mich weiterhin „Großer“ zu nennen. „Ey tut mit leid“, sagte Rolf, „ick hab eben noch mit New York telefoniert. Ick bin ja immer mal hier und mal da. Ick reise immer hin und her, zwischen New York, Barcelona und Berlin, weeßte?! Ick sage dir, hier sind so viele Idioten, aber du bist in Ordnung Großer!"

In dem Moment kam Inge rein. Knappe 63 Jahre und selbst ernannte „Flusensieb Wächterin“ der Waschmaschinen und Trockner im Haus. Als wenn wir uns schon lange kennen würden kam sie sofort auf mich zu, nahm mich beim Arm und fing an mir an jeder einzelnen Maschine zu erklären, wie man das Sieb sauber machen müsste.

„Dit iss Inge,...,iss ´ne janz Liebe“, sagte Rolf. „Ohne Inge würde hier wat fehlen“, schob er noch hinterher, um dann wieder zur Hauptsache zu kommen.

„Weeßte, ich bin ja immer unterwegs. New York, Barcelona, Berlin, weeßte?!“

Ich fühlte mich plötzlich verpflichtet, die mir entgegen gebrachte Freundlichkeit zu erwidern und hörte mich sagen: „Ach, kiek an, da bist Du der Reisende...?!“

„Ja jenau“ schoss es aus Rolf heraus. „New York, Barcelona, Berlin, verstehste de?! Immer hin und her, verstehste?! Ey, hier sind echt viele Idioten, aber du bist in Ordnung Großer. Ick mach ma´meine Wäsche in Trockner, denn kannst de.

Die Inge iss ne janz Liebe“, sagte er noch, was meine Aufmerksamkeit wieder auf die alte Dame richtete, die sich sehr intensiv um ein Flusensieb kümmerte.

„Wenn de dit immer richtich machen tust, dann iss immer allet in Ordnung, denn haste keene Probleme, weeßte ick bin doch ooch nur ´n Mensch.! Ick hab doch sonst nüscht mehr.“

Tränen traten ihr in die Augen und sie umarmte mich. „Ick hab doch sonst nüscht mehr“

„Bist schon ´ne Jute Inge“, war auf einmal Rolf wieder zu vernehmen, „Und hier loofen ja viele Idioten rum, aber der Große iss in Ordnung!“

Inge ließ aus der Umarmung nicht los. „ Ick bin Inge, 130“, womit sie ihre Zimmernummer meinte.

„Ick bin immer da, außer wenn ick mal kurz wat einkoofen bin, weeßte.“. Ich nahm mir in diesem Moment vor Inge öfter zu besuchen, wußte aber ganz genau, das es bei diesem Vorsatz bleiben würde. In solchen Momenten denke ich an Menschen die ohne jedes Obdach sind, die nichts zu essen und wenn überhaupt wenig Wasser haben. Ich denke dann immer, daß es mir doch noch gut geht. Auch Inge geht’s noch gut, aber ihre gesamte Traurigkeit, ihre völlige Orientierungslosigkeit kam in dieser Umarmung, ohne Worte, zur Sprache. Und ihre Dankbarkeit.

„Ick muss eben mal mit New York telefonieren“, sagte Rolf und verschwand.

Günther kam die Treppe runter geschlurft, sah einmal kurz zu uns rein und sagte im Vorbei Gehen:

„Ihr seid doch alle bekloppt“.

Teil III -Bernd-

Ronald tat einen Schritt, vorbei an Dusche und Waschbecken, die sich glücklicher Weise im Zimmer befanden, tat noch einen Schritt ins Zimmer und stand schon wieder am Fenster. Er sah sich kurz um. Sein Blick fiel aufs Bett, ein einfaches Metallgestell mit dünner Schaumstoffmatratze.

Daneben stand so was wie ein Nachttisch. In der Ecke zwischen Fenster und Bett stand ein Tisch und ein Stuhl. Gleich daneben ein Kühlschrank der, egal welche Stufe man einstellte, immer alles was man rein tat tief gefror.

Jetzt war ich am Grinsen: „Fühl´ dich wie Zuhause, setz´ dich, nimm dir´n Keks!“ Draußen hörte man immer noch Steven in regelmäßigen Abständen schreien.

„Uff de Fresse?!, Uff de Fresse?!“

Ronald setzte sich auf den Stuhl. Er rang sichtlich nach Worten, während ich im Schneidersitz auf dem Bett Platz nahm. Schließlich fand er die Fassung wieder. „Sach mal, ich hab da grad keinen gesehen der kein Bier in der Hand hatte. Aber stand nicht unten auf dem Zettel an der Tür das Alkohol und Drogen hier verboten sind?“

„Ja“, sagte ich und konnte mir das Grinsen wieder nicht verkneifen, „das steht da wohl dran...“

Nichts und niemand interessierte wirklich was im Haus passierte. Im ersten Stock gab es ein Büro, mit einem Mann darin, der wohl als Berufsbezeichnung Sozialarbeiter hatte,aber im Grunde nichts anderes tat, als die notwendigen Formulare zur Kostenübernahme auszufüllen und die Termine für die Waschküche zu vergeben. Ein Euro fünfzig für zwei Maschinen. Waschmittel ist natürlich selber zu besorgen. Vier alte Waschmaschinen, von denen zwei immer kaputt waren, standen darin. Außerdem vier Trockner. Den Schlüssel musste man beim Wachmann unten abholen, nicht ohne sich einen blöden Spruch darüber anzuhören, ob man denn wirklich dran war und auch bezahlt hatte. Die Waschküche war ein besonderer Ort, denn wenn man den Fehler machte, beim nach gucken wie weit die Wäsche war, nicht die Tür hinter sich zu schließen, hatte man sehr schnell Rolf und Inge auf dem Hals. Bei beiden wußte man sofort, daß hier eigentlich eine Unterbringung im Krankenhaus angebracht war. Warum sich die Beiden dennoch, sozusagen unbeobachtet, in diesem Wohnheim aufhielten, ist mir bis heute ein Rätsel. Rolf hatte vergessen, daß er die Zeit vor mir hatte. Seine Wäsche holte ich kurzerhand aus der Maschine und legte sie oben drauf, um meine endlich rein tun zu können. Es war schon spät, obwohl es erst 18.00 Uhr war. Draußen war es aber schon dunkel, um diese Jahreszeit nichts Besonderes, aber dennoch blieb der Eindruck, dass es tiefe Nacht war.

Rolf kam in die Waschküche gestürzt und legte sofort los.

„Ey ick sage dir, hier loofen ja wirklich viel Idioten rum, aber du bist ihn Ordnung Großer.“

Manche Menschen, eigentlich nur Männer, neigen dazu einen anderen Menschen „Großer“ zu nennen, selbst wenn er ihn an Körpergröße überragte. Rolf beschloss sich meinen Namen nicht zu merken, sondern mich weiterhin „Großer“ zu nennen. „Ey tut mit leid“, sagte Rolf, „ick hab eben noch mit New York telefoniert. Ick bin ja immer mal hier und mal da. Ick reise immer hin und her, zwischen New York, Barcelona und Berlin, weeßte?! Ick sage dir, hier sind so viele Idioten, aber du bist in Ordnung Großer!"

In dem Moment kam Inge rein. Knappe 63 Jahre und selbst ernannte „Flusensieb Wächterin“ der Waschmaschinen und Trockner im Haus. Als wenn wir uns schon lange kennen würden kam sie sofort auf mich zu, nahm mich beim Arm und fing an mir an jeder einzelnen Maschine zu erklären, wie man das Sieb sauber machen müsste.

„Dit iss Inge,...,iss ´ne janz Liebe“, sagte Rolf. „Ohne Inge würde hier wat fehlen“, schob er noch hinterher, um dann wieder zur Hauptsache zu kommen.

„Weeßte, ich bin ja immer unterwegs. New York, Barcelona, Berlin, weeßte?!“

Ich fühlte mich plötzlich verpflichtet, die mir entgegen gebrachte Freundlichkeit zu erwidern und hörte mich sagen: „Ach, kiek an, da bist Du der Reisende...?!“

„Ja jenau“ schoss es aus Rolf heraus. „New York, Barcelona, Berlin, verstehste de?! Immer hin und her, verstehste?! Ey, hier sind echt viele Idioten, aber du bist in Ordnung Großer. Ick mach ma´meine Wäsche in Trockner, denn kannst de.

Die Inge iss ne janz Liebe“, sagte er noch, was meine Aufmerksamkeit wieder auf die alte Dame richtete, die sich sehr intensiv um ein Flusensieb kümmerte.

„Wenn de dit immer richtich machen tust, dann iss immer allet in Ordnung, denn haste keene Probleme, weeßte ick bin doch ooch nur ´n Mensch.! Ick hab doch sonst nüscht mehr.“

Tränen traten ihr in die Augen und sie umarmte mich. „Ick hab doch sonst nüscht mehr“

„Bist schon ´ne Jute Inge“, war auf einmal Rolf wieder zu vernehmen, „Und hier loofen ja viele Idioten rum, aber der Große iss in Ordnung!“

Inge ließ aus der Umarmung nicht los. „ Ick bin Inge, 130“, womit sie ihre Zimmernummer meinte.

„Ick bin immer da, außer wenn ick mal kurz wat einkoofen bin, weeßte.“. Ich nahm mir in diesem Moment vor Inge öfter zu besuchen, wußte aber ganz genau, das es bei diesem Vorsatz bleiben würde. In solchen Momenten denke ich an Menschen die ohne jedes Obdach sind, die nichts zu essen und wenn überhaupt wenig Wasser haben. Ich denke dann immer, daß es mir doch noch gut geht. Auch Inge geht’s noch gut, aber ihre gesamte Traurigkeit, ihre völlige Orientierungslosigkeit kam in dieser Umarmung, ohne Worte, zur Sprache. Und ihre Dankbarkeit.

„Ick muss eben mal mit New York telefonieren“, sagte Rolf und verschwand.

Günther kam die Treppe runter geschlurft, sah einmal kurz zu uns rein und sagte im Vorbei Gehen:

„Ihr seid doch alle bekloppt“.


Oliver Wellmann 2009
Wellmann eXtremkabarett-blog
www.oliver-wellmann.de

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